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 Aktuelle Tagespolitik
Gerhard Falk Offline




Beiträge: 437

28.02.2010 11:48
RE: Stellungen (Essay) antworten

Stellungen
von
Gerhard Falk


Mich würde niemand mehr einstellen. Zuviel habe ich ins Internet gestellt. Meine Einstellungen und auch sonstwas habe ich dort preisgegeben. Überhaupt: Was ist das für ein blödes Wort „einstellen“? Eingestellt in eine Reihe von anderen oder was?

Da fällt mir ein Buchtitel ein „Der Herr der blauen Ameisen“ (György Pálóczi-Hórvath). Lange her, dass ich das gelesen habe. Das kennt heute sicher niemand mehr. Den Mao Tse-tung vielleicht, doch wen interessiert das? Der steckte alle Chinesen in Blaumänner und ließ sie marschieren – einen langen Marsch. Vorher ging es ihnen scheiße, danach ging es ihnen scheiße. Doch sie glaubten an eine Idee – jedenfalls anfangs. Bei den Bauern bin ich da nicht so sicher. Heute glauben viele auch wieder an eine Idee und werden dafür auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ erschossen. Das ist durchaus modern: mit Namen täuschen! Mit Menschen sind sie in China schon immer großzügig umgegangen; sie haben ja auch genug davon. Was ist das bloß wieder für eine Einstellung, die ich da blödsinnigerweise von mir gebe? Es ist ja auch nicht meine wirkliche. Ich bin zynisch geworden über die Jahre.

Heute ist das alles ganz anders. Wir sind befreit. Haben eine „Corporate Identity“ und sind am Markt gut aufgestellt. Vor der Marktbefreiung verband ich mit der Aufstellung am Markt irgendwie den „Pranger“. Der ist abgeschafft. Dafür haben wir die Medien und das Internet. Das ist zwar nicht mehr so körperlich, aber es haben mehr etwas davon. Sozusagen eine Steigerung des „Mehrwertes“. „Mehr“ haben und „weniger“ zahlen. Ich bin doch nicht blöd? Doch! Die Masse macht’s – wie in China.

China beschäftigt mich. Pearl S. Buck begeisterte mich lange vor den blauen Ameisen. Sie hat mein romantisches Chinabild gemalt. Der Literaturnobelpreis, den sie erhielt, war nicht entscheidend. Es waren die verklärten Liebesgeschichten in einer bäuerlichen Gesellschaft, die mich fesselten. Heile Welt? Nein – viel Menschlichkeit! In sie hinein platzte mir dann der „lange Marsch“. Und heute? Heute ist die Welt im „Arsch“, wie junge Leute manchmal urteilen. Ohne das Internet könnten wir es vielleicht seltener lesen. Mit Transparenten für eine bessere Welt gehen sie nicht mehr so oft auf die Straße. Damals taten sie es. Mit der Mao-Bibel unter dem Arm, begeistert von den „blauen Ameisen“, die es geschafft haben sollten. Jetzt twittern, zittern, bloggen und facebooken sie im Internet herum. Auf einer „höheren Ebene“ sozusagen haben sie Stellung bezogen. Nickend mit Nicknamen, manchmal auch im Second Life ihrem First Life entfliehend, mich kopfschüttelnd zurücklassend? Ich bin auf Spurensuche. Das ist leichter geworden im World Wide Web. Hier verweht kein Wind die Spuren, hier wächst kein Gras über irgendwas, hier herrscht Unsterblichkeit!

Früher führte ich so manche Vorstellungs- und Einstellungsgespräche. Da hätte ich ganz sicher auch im Internet gegoogelt zu den Namen, der Einstellungen wegen vermutlich. Lesen, wer da vor mir sitzt und sich für das Gespräch gut aufgestellt sieht. Da hätte ich schön meine Vorurteile entwickeln können - viel leichter.

Ich hätte mich nicht eingestellt. Gut aufgestellt wäre ich stehengeblieben mit all meinen guten Einstellungen für eine bessere Welt.

„Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt. “
Mahatma Gandhi

www.falk-dautphetal.eu

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